
Konzentrationsschwäche wird meist als Charakterfehler angesehen. Als Zeichen mangelnder Selbstdisziplin, zu viel Zeit vor dem Bildschirm oder zu wenig Kaffee. Manchmal trifft das auch zu.
Normalerweise ist das nicht der Fall. Das heißt, nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen immer wieder: Anhaltende Konzentrationsschwierigkeiten sind in einem erheblichen Teil der Fälle biochemischen Ursprungs. Sie lassen sich auf bestimmte Biomarker zurückführen, die im Blut gemessen werden können, bei einer routinemäßigen Blutuntersuchung beim Hausarzt jedoch oft übersehen werden. Ferritin. Vitamin B12. Vitamin D. Magnesium. Schilddrüsenhormone. Dabei handelt es sich nicht um obskure Nischenwerte. Es sind die grundlegenden Bausteine, die Ihr Gehirn benötigt, um seine Arbeit zu verrichten.
Konzentration ist nicht nur Willenskraft, auch wenn sie das ebenfalls ist. Sie ist eine Frage der Biologie. Der präfrontale Kortex – die Region hinter der Stirn, die für Planung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zuständig ist – benötigt zwei Dinge, um gut zu funktionieren: eine stabile Sauerstoffversorgung und die richtigen Neurotransmitter.
Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin, die in direktem Zusammenhang mit der Konzentrationsfähigkeit und der kognitiven Leistungsfähigkeit stehen, entstehen nicht aus dem Nichts. Sie benötigen Cofaktoren. Und genau hier kommen Biomarker ins Spiel. Eisen ist für die Dopaminsynthese erforderlich. Vitamin B12 hält die Myelinscheiden der Nervenzellen intakt. Vitamin D beeinflusst die Expression von Genen, die an der Neurotransmitterregulation beteiligt sind. Magnesium reguliert NMDA-Rezeptoren. Die synaptischen Stellen im Gehirn, die für das Lernen und das Gedächtnis von zentraler Bedeutung sind.
Selbst wenn nur einer dieser Werte dauerhaft zu niedrig ist, bricht das System nicht zusammen. Es läuft lediglich nicht mehr optimal. Still und leise, aber beharrlich – auf eine Weise, die man leicht auf Stress, das Älterwerden oder einfach nur auf zu viel Arbeit zurückführt.
Eisenmangel ist der weltweit am häufigsten auftretende Nährstoffmangel. In Europa tritt er besonders häufig bei Frauen im gebärfähigen Alter auf, wobei die Schätzungen je nach Bevölkerungsgruppe und zugrunde gelegener Schwellenwert zwischen etwa 20 und fast 50 Prozent schwanken.
Das Problem ist jedoch nicht das Eisen selbst, sondern das Ferritin. Dies ist der Marker, der angibt, wie viel Eisen Ihr Körper gespeichert hat. Ferritin wird im üblichen Blutbild, das Ihr Hausarzt anordnet, nicht untersucht.
Warum ist das wichtig? Sehr sogar. Man kann einen völlig normalen Hämoglobinspiegel haben – also technisch gesehen keine Anämie – und dennoch so stark erschöpfte Eisenspeicher aufweisen, dass das Gehirn dies bereits bemerkt. Eine in BMC Nutrition veröffentlichte Metaanalyse von Scott et al. (2009) bestätigte, dass eine Eisenergänzung die Aufmerksamkeit und Konzentration bei älteren Kindern und Erwachsenen verbessert. Auch bei denen, die keine Anämie haben.
Eine Studie der Penn State University ergab, dass Frauen mit Eisenmangel ohne Anämie, die eine Eisentherapie erhielten, im Vergleich zur Placebo-Gruppe eine bis zu fünfmal höhere kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit aufwiesen, verbunden mit messbaren Verbesserungen der Daueraufmerksamkeit.
Der Ferritinwert, den man kennen sollte, ist nicht der, den das Labor als „Normalbereich“ angibt. Viele Labore legen die Untergrenze für Frauen auf 12 bis 15 Mikrogramm pro Liter fest. Klinische Erkenntnisse und neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Ferritinwert unter 30 µg/l bereits zu leichten kognitiven Beeinträchtigungen führen kann und dass für eine optimale Funktion Werte im Bereich von 70 bis 100 µg/l erforderlich sind.
Kurz gesagt: Wenn Sie müde sind, sich nur schwer konzentrieren können und Ihnen gesagt wurde, dass Ihre Blutwerte in Ordnung sind, könnte Ferritin der Marker sein, der nie untersucht wurde.
Stellen Sie sich Ihre Nervenzellen wie Stromkabel vor. Vitamin B12 sorgt für die Erhaltung der isolierenden Hülle, der Myelinscheide, die dafür sorgt, dass Signale schnell und ungehindert weitergeleitet werden. Bei einem Mangel an B12 beginnt diese Isolierung sich abzubauen. Die Signalübertragung verlangsamt sich. Die Gedanken fühlen sich träge an. Die Reaktionen verzögern sich.
Was dies besonders heikel macht, ist, dass sich ein B12-Mangel schleichend über Monate oder Jahre hinweg entwickelt. Der übliche B12-Serumwert kann beruhigend normal aussehen, während die aktiv verwertbare Form bereits zur Neige geht, da der Test das Gesamt-B12 misst und nicht den Anteil, den der Körper tatsächlich verwerten kann. Dieser aktive Anteil wird als Holotranscobalamin (Holo-TC) bezeichnet und ist ein wesentlich präziserer Frühindikator für einen Mangel.
Die Risikogruppen sind größer als gemeinhin angenommen: Menschen über 50, da die Aufnahme von Vitamin B12 im Magen mit zunehmendem Alter abnimmt; Veganer und Vegetarier, da Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt; sowie Menschen, die langfristig Protonenpumpenhemmer (Säurehemmer) einnehmen, da diese Medikamente einen Schritt der Vitamin-B12-Aufnahme beeinträchtigen.
Zu den typischen neurologischen Symptomen eines Vitamin-B12-Mangels zählen Kribbeln in Händen und Füßen sowie Gedächtnislücken, Niedergeschlagenheit und Konzentrationsschwäche. Wer diese Symptomkombination aufweist, sollte ausdrücklich nach dem Holo-TC-Wert fragen und sich nicht nur mit dem Standard-Serumwert begnügen.
Der Standard-Serum-B12-Wert kann normal aussehen, während die aktiv verwertbare Form bereits aufgebraucht ist. Der Test, den die meisten Ärzte durchführen, ist der falsche Test.
Vitamin-D-Mangel ist in Deutschland weit verbreitet. Die DEGS1-Studie des Robert-Koch-Instituts, eine der größten bevölkerungsrepräsentativen Gesundheitsstudien, die in Deutschland durchgeführt wurden, ergab, dass rund 61 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland Vitamin-D-Spiegel unter 50 nmol/l aufweisen – dem Grenzwert, der allgemein mit einem ausreichenden Versorgungsstatus in Verbindung gebracht wird. Im Winter steigt dieser Wert noch weiter an.
Warum ist das für die Konzentration wichtig? Vitamin-D-Rezeptoren befinden sich im Hippocampus und im präfrontalen Kortex – genau den Gehirnregionen, die für Gedächtnis und Aufmerksamkeit zuständig sind. Vitamin D reguliert die Expression von Genen, die an der Produktion von Neurotrophinen wie BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) beteiligt sind. Vereinfacht ausgedrückt ist BDNF der „Dünger“ für neue neuronale Verbindungen.
Mehrere Querschnittsstudien haben einen Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und einer schlechteren kognitiven Leistungsfähigkeit in allen Altersgruppen festgestellt. Die Kausalrichtung ist zwar nicht in jedem Fall eindeutig geklärt, doch angesichts der hohen Prävalenz von Vitamin-D-Mangel in Deutschland und Finnland ist Vitamin D einer der sinnvollsten ersten Marker, die gemessen werden sollten.
Ein wichtiger Hinweis: Die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten, ohne den eigenen Ausgangswert zu kennen, ist weder sinnvoll noch risikolos. Ein Überschuss an Vitamin D ist giftig. Der Zweck der Untersuchung besteht darin, genau zu wissen, wo man steht, und dann gezielt zu handeln – statt zu raten.
Magnesium ist an über 300 enzymatischen Reaktionen im Körper beteiligt. Eine davon ist die Regulierung des NMDA-Rezeptors, eines Glutamatrezeptors, der eine zentrale Rolle bei Lernprozessen und der synaptischen Plastizität spielt. Einfach ausgedrückt: Magnesium hilft dem Gehirn dabei, neue Verbindungen zu knüpfen und Informationen zu speichern.
Gleichzeitig reguliert Magnesium den Cortisolspiegel und wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Ein Mangel erhöht die Anfälligkeit für Stress, Schlafstörungen und geistige Erschöpfung – genau der Zustand, in dem sich das Konzentrieren anfühlt, als würde man auf Gummi kauen.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Standard-Serum-Magnesiumspiegel kein verlässlicher Indikator für den tatsächlichen Magnesiumstatus ist, da der Körper Magnesium aus dem Gewebe mobilisiert, um den Blutspiegel stabil zu halten. Nur etwa ein Prozent des gesamten Magnesiums im Körper zirkuliert im Blut. Dennoch lohnt sich die Messung als erster Schritt, insbesondere wenn sie zusammen mit den Vitamin-D- und Kalziumwerten ausgewertet wird.
Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 steuern den Stoffwechsel fast aller Zellen im Körper, einschließlich der Gehirnzellen. Eine Unterfunktion der Schilddrüse, selbst in subklinischer Form (d. h. bei einem TSH-Wert, der zwar noch im Referenzbereich liegt, aber an dessen Obergrenze), verlangsamt alles: die Denkgeschwindigkeit, die Reaktionszeit, die Stimmung und die Energie.
Eine Metaanalyse von Mendes et al. (2019) schätzt, dass europaweit mehrere Millionen Menschen mit einer nicht diagnostizierten Schilddrüsenunterfunktion leben. Der Grund dafür ist struktureller Natur: TSH ist nicht in dem Standard-Blutbild enthalten, das die meisten Hausärzte anordnen, und selbst wenn es untersucht wird, werden Grenzwerte häufig nicht weiter abgeklärt.
Eine Schilddrüsenunterfunktion geht oft mit Konzentrationsproblemen einher. Die Überschneidungen der Symptome mit anderen Mangelzuständen sind erheblich: Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, verlangsamte Denkfähigkeit, Kälteempfindlichkeit. Wer mehrere dieser Symptome bei sich feststellt, sollte idealerweise die Werte für TSH, freies T3 und freies T4 gemeinsam bestimmen lassen.
Eine der größten Herausforderungen bei Konzentrationsschwäche besteht darin, dass sich die zugrunde liegenden Mangelzustände von innen heraus fast identisch anfühlen. Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel, Vitamin-D-Mangel und Schilddrüsenfunktionsstörungen können alle dieselben Hauptsymptome hervorrufen: Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit und geistige Trägheit.
Wer blindlings mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln beginnt und Magnesium, B12 und Vitamin D kauft, nur weil diese harmlos erscheinen, verschwendet bestenfalls Zeit und Geld. In ungünstigeren Fällen kann dies sogar kontraproduktiv sein: Ein Überschuss an Eisen ist giftig. Ein Überschuss an Vitamin D ist giftig. Und die Einnahme von B12-Präparaten, ohne zu wissen, ob tatsächlich ein Mangel vorliegt, führt bei der nächsten Blutuntersuchung zu einem künstlich erhöhten Wert, wodurch genau das Bild verschleiert wird, das man eigentlich zu entschlüsseln versucht.
Nur durch eine gezielte Blutuntersuchung lässt sich die Ursache vom Symptom unterscheiden.
Eine Nahrungsergänzung ohne vorherige Untersuchung führt bei der nächsten Blutabnahme zu einem künstlich erhöhten Ergebnis – was das genaue Bild, das Sie eigentlich verstehen wollten, verschleiert.
Das von Hausärzten in Deutschland angeordnete Standard-Blutbild misst Hämoglobin, weiße Blutkörperchen, Blutplättchen und eine Handvoll weiterer Basiswerte. Was es nicht misst: Ferritin, Holotranscobalamin, 25-OH-Vitamin D, freies T3 und T4, Magnesium sowie eine Reihe weiterer Marker, die für die kognitiven Funktionen unmittelbar relevant sind.
Das ist kein Versagen des Systems. Das Standard-Blutbild dient als Screening-Instrument für akute Erkrankungen. Es ist nicht dafür ausgelegt, suboptimale Ernährungszustände zu erkennen, die sich in diffusen Symptomen wie Konzentrationsschwäche äußern.
Ein präventives Blutbild, das diese Lücke schließt, bietet Ihnen etwas, was kein Produktivitäts-Tool, keine App und kein Nahrungsergänzungsmittel für sich allein leisten kann: einen Ausgangswert. Einen Ausgangspunkt. Daten, auf denen eine Entscheidung tatsächlich basieren kann.
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Quellen
1. Scott SP et al. (2009). Die Auswirkungen einer oralen Eisensupplementierung auf die kognitiven Fähigkeiten bei älteren Kindern und Erwachsenen: eine systematische Übersicht und Metaanalyse. BMC Nutrition. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2831810/
2. Murray-Kolb LE, Beard JL (2007). Eine Eisenbehandlung normalisiert die kognitiven Funktionen bei jungen Frauen. American Journal of Clinical Nutrition.
3. Jauregui-Lobera I (2014). Eisenmangel und kognitive Funktionen. Neuropsychiatric Disease and Treatment. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4235202/
4. Mendes G et al. (2019). Nicht diagnostizierte und unzureichend behandelte Schilddrüsenunterfunktion in Europa. European Thyroid Journal.
5. Soni M. et al. (2012). Vitamin D und kognitive Funktionen. Scandinavian Journal of Clinical and Laboratory Investigation.
6. Maier JA et al. (2020). Magnesium und das Gehirn: Ein Schwerpunkt auf Neuroinflammation und Neurodegeneration. International Journal of Molecular Sciences.
7. Robert-Koch-Institut (2016). DEGS1 – Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. Vitamin D: Prävalenz eines unzureichenden Vitamin-D-Status.
8. Vogiatzoglou A. et al. (2008). Vitamin-B12-Status und Geschwindigkeit des Hirnvolumenverlusts bei zu Hause lebenden älteren Menschen. Neurology.
Medizinischer Haftungsausschluss
Dieser Artikel dient lediglich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Die beschriebenen Symptome können viele verschiedene Ursachen haben. Bitte wenden Sie sich für eine Diagnose und Behandlung an einen qualifizierten Arzt.
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