Editorial — Präzisionsmedizin
Die Lücke zwischen dem, was dein Hausarzt misst, und dem, was deine Biologie tatsächlich tut – und warum die wichtigsten Daten über deine Gesundheit noch nie auf einem Ergebnisblatt standen. Das ist Topols Argument, der Kontext des deutschen Gesundheitssystems und warum wir uns auf das falsche Problem konzentrieren. Hier ist, was die Beweise tatsächlich sagen – und was das für den einen Körper bedeutet, den du hast.
Eric Topol ist kein Wellness-Influencer. Er ist Kardiologe, Molekularmediziner und Gründer eines der erfolgreichsten Forschungsinstitute in den USA. Seit fast dreißig Jahren beweist er in Tausenden von Studien, dass die moderne Medizin von Grund auf falsch aufgebaut ist.
Nicht falsch, weil die Ärzte unfähig wären. Sondern falsch, weil das System darauf ausgelegt ist, auf Krankheiten zu reagieren – und nie darauf umgestellt wurde, sie zu verhindern. Topol erklärt es so: Der normale Arztbesuch ist ein Diagnoseprotokoll für kranke Menschen, das aber auch bei denen angewendet wird, die vielleicht noch gar nicht krank sind. Es erkennt, was schon da ist. Aber es übersieht fast komplett, was sich gerade erst entwickelt.
„Wir stecken fast alle unsere Ressourcen in die 5 % der Menschen, die sehr krank sind, und übersehen dabei die 95 %, die wir gesund halten könnten.“
Eric Topol, MD — Scripps Research Translational Institute
Das ist keine verrückte Idee. Es ist die Grundlage der Präzisionsmedizin – die Erkenntnis, dass chronische Krankheiten nicht einfach so auftauchen. Sie entwickeln sich langsam und messbar über Jahre oder Jahrzehnte, bevor man überhaupt etwas merkt. Wenn dann eine Diagnose gestellt wird, ist im Körper schon lange etwas im Gange.
Die Folge ist ziemlich krass: Das normale jährliche Blutbild – mit etwa zehn bis fünfzehn Werten, die offensichtliche Krankheiten aufspüren sollen – misst hauptsächlich die Spuren eines Prozesses, der schon seit Jahren im Gange ist. Es liest das letzte Kapitel einer Geschichte, die längst geschrieben wurde.
Diese vier Zahlen zusammen zeigen genau die Lücke auf, über die Topol schon seit 2012 schreibt. Das System testet dich selten, mit zu wenigen Werten, und das, obwohl sich in deinem Körper schon seit Jahren etwas tut. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern einfach die Art, wie es aufgebaut ist. Und dieser Aufbau muss sich ändern.
Topols wichtigste Erkenntnis für die Präzisionsmedizin ist eigentlich ganz einfach: Dein Körper ist nicht der Durchschnitt der Bevölkerung. Er ist ein ganz eigenes System, mit seiner ganz persönlichen Ausgangslage, seinen eigenen Entwicklungen und Schwachstellen. Der einzige Weg, ihn wirklich zu verstehen, ist, ihn immer wieder zu messen – über einen längeren Zeitraum und in vielen verschiedenen Bereichen, um die wichtigen Muster zu erkennen.
Das ist das N-of-1-Prinzip. Eine Untersuchung, die sich auf eine einzelne Person konzentriert, statt nur allgemeine Gruppendaten zu betrachten. Wenn du genug Biomarker über längere Zeit verfolgst, vergleichst du dich nicht mehr mit allgemeinen Referenzwerten, sondern mit dir selbst – wie du in Bestform bist, wann es dir schlechter geht, ob sich etwas verbessert oder verschlechtert. Die Ergebnisse werden persönlich und du kannst wirklich etwas damit anfangen.
Zwei Menschen können genau den gleichen Gesamtcholesterinwert haben. Einer hat ein kaum messbares Risiko. Der andere steuert auf ein Herz-Kreislauf-Ereignis zu. Der Unterschied liegt im Verhältnis der Partikelgrößen, den Entzündungswerten, der Insulinreaktion, den Anzeichen für oxidativen Stress – alles Werte, die das Standard-Blutbild nicht erfasst. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist das ganze Bild für die Diagnose.
Topols Forschungsteam hat das genau untersucht: Bei Studien mit Menschen, die nach normalen medizinischen Kriterien als „gesund“ gelten, zeigen umfassende Biomarker-Tests bei etwa 40 % ein deutliches Stoffwechselrisiko. Diese Menschen sind nicht krank. Sie werden nicht behandelt. Sie haben noch keine Diagnose. Aber ihr Blut erzählt schon eine Geschichte, die ihr letzter Check-up nie erkannt hat.
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Hol dir deine Biomarker-StartwerteDer methodische Sprung, den Topol beschreibt, bedeutet nicht, einfach nur mehr Daten zu haben. Es geht darum, die richtigen Marker in der passenden Kombi über einen längeren Zeitraum zu messen, um zu erkennen, wohin die Entwicklung geht. Ein einzelner HbA1c-Wert sagt dir, wo du heute im Verhältnis zu einem Grenzwert stehst. Eine Reihe von Werten über drei Jahre verrät dir, ob du besser wirst, stagnierst oder auf ein Problem zusteuerst, das du noch gar nicht kennst.
Ein Wert im „normalen“ Bereich sagt dir fast nichts über die Entwicklung. Jemand, dessen Nüchternzucker über vier Jahre von 82 auf 97 mg/dL gestiegen ist, ist immer noch „normal“. Aber laut allen Anzeichen steuert diese Person auf etwas zu, das nicht normal bleiben wird. Die Momentaufnahme kann dir das nicht zeigen. Nur der Film kann es.
Die Marker, die für diese Art der Langzeitbeobachtung am wichtigsten sind, werden nicht am häufigsten getestet. Das Gesamtcholesterin zeigt dir nicht, wie sich die Partikel verhalten. Der Nüchternzucker erfasst nicht, wie dein Insulin arbeitet. TSH allein verrät dir nichts über die Schilddrüsenumwandlung. Diese Lücken sind kein Zufall – sie sind ein strukturelles Problem eines Systems, das für Diagnosen, nicht für die Vorsorge gemacht wurde.
„In der Präzisionsmedizin geht es darum, deine ganz persönlichen Daten zu nutzen, um Entscheidungen für deine Gesundheit zu treffen – das ist die Zukunft der Medizin.“
Eric Topol, MD — Deep Medicine, 2019
Das gesetzliche deutsche Gesundheitssystem – die GKV – bietet dir ab 35 Jahren alle drei Jahre einen Gesundheitscheck an. Dabei werden etwa zehn Marker gecheckt: Glukose, Gesamtcholesterin, Nieren- und Leberfunktion und ein paar andere. Das Ganze ist dafür gedacht, offensichtliche Krankheiten bei vielen Menschen zu erkennen. Es ist aber nicht dafür gemacht, deine persönliche Gesundheitsbasis aufzubauen, versteckte Entwicklungen zu entdecken oder dir die Stoffwechsel-Tiefe zu geben, die die moderne Vorsorgemedizin für notwendig hält.
Das ist keine Kritik an der deutschen Medizin. Es beschreibt einfach eine unvermeidliche Lücke zwischen einem gesetzlichen System, das für die Gesundheit der breiten Masse gemacht ist, und der individuellen Vorsorge, die Topol und seine Kollegen für nötig halten. Die beiden Dinge haben unterschiedliche Ziele. Die GKV erkennt dein akutes Nierenversagen. Aber sie wird dir nicht sagen, dass deine Insulinempfindlichkeit seit fünf Jahren schlechter wird.
Topols Argument ist nicht nur Kritik. Es ist ein Programm. Mehr messen. Früher messen. Immer wieder messen. Auf Entwicklungen reagieren, nicht nur auf Grenzwerte. Und ganz wichtig: Die Daten mit einer Expertenmeinung verbinden, die dir genau erklären kann, was die Zahlen für dich persönlich, in diesem Moment und basierend auf deiner bisherigen Geschichte bedeuten.
Für die meisten Menschen in Deutschland gibt es dieses Programm im gesetzlichen System aktuell nicht. Dafür brauchst du entweder einen Privatarzt, eine Spezialklinik oder einen speziellen Service, der alles aus einer Hand anbietet: Blutabnahme, Laboranalyse in einem akkreditierten Labor, ärztliche Auswertung und einen persönlichen Bericht, der die Ergebnisse in konkrete Schritte für dich übersetzt.
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Das ist genau die Art von Service, die Topol vorschlägt. Kein Ersatz für deinen Hausarzt. Keine Diagnoseklinik. Sondern eine Art Überwachungssystem – ein persönliches Frühwarnsystem, das die wichtigen Marker verfolgt, von Ärzten überprüft, die wissen, worauf sie achten müssen, und in eine Sprache übersetzt, mit der du wirklich etwas anfangen kannst.
Das umfassende Mindestpanel – also das absolute Minimum, unter dem du im Grunde noch im Dunkeln tappst – sollte Stoffwechselmarker über Glukose und HbA1c hinaus enthalten. Dazu gehören ein komplettes Herz-Kreislauf-Panel mit Partikelfraktionierung und hsCRP, Hormonachsen wie Schilddrüse, Geschlechtshormone und Cortisol, Nährstoffmarker wie Vitamin D, B12, Eisen und Ferritin, Entzündungsmarker sowie Nieren- und Leberfunktion, und das alles anhand mehrerer Indikatoren, nicht nur der groben Werte.
So sieht das mit über 39 Markern in der Praxis aus. Das ist kein exotisches Protokoll. Es ist das minimale, wissenschaftlich fundierte Panel, das Präzisionsmediziner, wie Topol, als Standard für jeden ansehen, der seine eigene Biologie verstehen möchte – und nicht nur seinen Krankheitsstatus.
„Wenn du nur misst, was einfach zu messen ist, findest du auch nur das, was einfach zu finden ist. Aber die Dinge, die sich still und leise entwickeln – die Stoffwechselveränderungen, Entzündungszeichen, hormonelle Ungleichgewichte – die brauchen eine ganz andere Art von Aufmerksamkeit.“
Eric Topol, MD — The Patient Will See You Now, 2015
Topols Argument ist am Ende ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit. Dafür, den Körper als das komplexe System zu sehen, das er ist, und nicht nur als eine Reihe von Grenzwerten, die erst überschritten werden müssen, bevor man handelt. Die Beweise für diesen Ansatz – mehr Marker, häufigere Messungen, mehr Kontext – sammeln sich seit zwei Jahrzehnten. Die Infrastruktur, um das Ganze zu einem fairen Preis anzubieten, und nicht nur in teuren Privatkliniken, wird erst jetzt Realität.
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Starte deine Gesundheits-BasisQuellen & Referenzen
Topol EJ. Hochleistungsmedizin: die Konvergenz von menschlicher und künstlicher Intelligenz. Nature Medicine, 2019.
Topol EJ. Deep Medicine: Wie künstliche Intelligenz die Gesundheitsversorgung wieder menschlich machen kann. Basic Books, 2019.
Topol EJ. Der Patient wird dich jetzt sehen: Die Zukunft der Medizin liegt in deinen Händen. Basic Books, 2015.
Sonnenburg JL et al. Ernährungsbedingte Veränderungen der Darmmikroflora tragen zu tödlichen Lungenschäden bei TLR2/TLR4-defizienten Mäusen bei. Cell Host & Microbe, 2016.
Khera AV et al. Genomweite polygene Scores für häufige Krankheiten identifizieren Personen mit einem Risiko, das monogenen Mutationen entspricht. Nature Genetics, 2018.
Gemeinsamer Bundesausschuss. Gesundheitsuntersuchungen für Erwachsene. G-BA, 2023.
Robert Koch-Institut. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Prevalenz chronischer Erkrankungen, 2022.